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Digitale Diktatoren: Zwischen Blutbad und Catcontent

Er posiert mit Kaninchen, postet lustige Affenvideos, romantische Herzchen, Panzerfaust-Tests und Selfies mit Liz Hurley: Ramsan Kadyrov, durch Putin ernanntes Oberhaupt der Teilrepublik Tschetschenien, dem Folter, Mord und Entführung zur Last gelegt werden, ist ein echter Instagram-Junkie. Mit 2.700 Fotos unterhält er seine 317.000 Follower.

Das tschetschenische Oberhaupt Ramsan Kadyrov posiert mit mit Huhn und Karnickel auf Instagram

Das tschetschenische Oberhaupt Ramsan Kadyrov posiert mit mit Huhn und Karnickel auf Instagram

Doch Kadyrov ist nicht der einzige Despot, der das Digitale für sich entdeckt hat: Auch der syrische Diktator Bashar al-Assad präsentiert persönliche Momente auf Instagram. Er trinkt Tee mit Freunden, besucht Verletzte im Krankenhaus und spielt mit Kindern – es ist ein scheinbar intimer Einblick in den Alltag des Mannes, der für einen der blutigsten Bürgerkriege verantwortlich ist. Rund 42.000 Menschen folgen dem Account des Tyrannen. Fast 300 Fotos hat er schon gepostet, während Millionen Syrer auf der Flucht vor ihm sind.

Auch der syrische Diktator Bashar al-Assad ist bei Instagram

Auch der syrische Diktator Bashar al-Assad ist bei Instagram

Besonders zynisch kommt auch der Twitter-Account von Irans Präsident Rouhani daher: Unter einem Foto der Triathletin Shirin Gerami postete er das Hashtag #GenderEquality – sie trägt natürlich Schleier.

Schon deutlich offensiver zwitschert da Ayatollah Khamenei, Oberster Rechtsgelehrter und de facto Oberhaupt der Islamischen Republik. Vom „tollwütigen Hund Israel“ ist in selbstgestalteten Grafiken die Rede und der „puren Bösartigkeit der Amerikaner“. Dabei bleiben soziale Medien ein exklusives Hobby im Iran: Dem Durchschnittsbürger sind sie untersagt.

Und auch anderswo entdecken autoritäre Herrscher den Kurznachrichtendienst – wenn auch mit Startschwierigkeiten: So zwitscherte der im März 2013 verstorbene Hugo Chávez einst ein einfaches „U“ von seinem Blackberry. Sein Nachfolger Maduro ist mit 5.300 Tweets und fast zwei Millionen Followern schon deutlich versierter.

Ob die vielen Follower auch politische Anhänger sind, darf angesichts der Massenproteste in Caracas bezweifelt werden. Hier liegt das Problem: Bei Twitter ist der Despot nur einer unter vielen und begegnet seinen unterdrückten Untertanen auf Augenhöhe. Mittels @-Befehl wird er direkt ansprechbar.

Es bleiben dem digitalen Diktator also nur zwei Möglichkeiten: Entweder bestraft er die Kritik an seiner Macht wie etwa in Saudi-Arabien, wo jüngst der 23-jährige Hamsa Kaschgari wegen „blasphemischer Tweets“ zum Tode verurteilt wurde. Oder er blockiert den Zugang wie im Iran. Und wer sich widersetzt, wird hingerichtet.

Aber auch Gruppen, die noch keinen Staat in ihre Gewalt gebracht haben, nutzen munter soziale Medien: So kommentierte die islamistische Al-Shabaab-Miliz per Live-Tweets den blutigen Terroranschlag auf das Einkaufszentrum in Nairobi und spottete in 140 Zeichen über das kenianische Militär. Die Taliban teilten per Twitter mit, dass sie einen britischen Militärhund entführt haben. Und die syrisch-irakische Terrorgruppe ISIS präsentiert dort regelmäßig Fotos von Enthauptungen ihrer Gegner.

Es scheint, als hätten Twitter und Co. ihre Unschuld verloren. Was einst begann, um die freie Vernetzung der Welt voranzutreiben und zur Mobilisierung gegen Diktaturen beitrug, wird nun auch als Werkzeug von jenen genutzt, die Unfreiheit und Unterdrückung verbreiten.

Antje Schippmann (26) kommt aus Leipzig (spricht aber nicht so), trinkt gerne guten Whisky und hatte schon mal 18 Punkte bei Quizduell. Nach ersten Jobs in Berlin, Jerusalem und Halle gentrifiziert sie jetzt den Wedding und schreibt fürs Politik-Ressort. Weitere Artikel von Antje Schippmann
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